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Ist die E-Mail eine neue Droge ?

Der ständige Check nach neuen Emails wird kaum noch hinterfragt

11.05.2007

"Crackberries" werden in den USA heftige Blackberry-Benutzer spöttisch genannt. Vor ein paar Wochen erlebten diese einen schweren Schlag als der Betreiber der Blackberry-Mail (RIM) einen Großausfall hatte und ca. zehn Stunden keine E-Mails abrufbar waren. Dieser Vorfall rief natürlich auch jene Experten auf den Plan, die uns vor dem Suchtcharakter neuer Technologien eindringlich warnen. Besorgte Warnungen vor "Blackberry moms" sind auf der medialen US-Tagesordnung - Mütter, die mit ihren Sprösslingen nur noch per Mail kommunizieren (bei Vätern gilt das eher schon als sozialer Fortschritt).

Lieber Sohn,

Zwar ist Österreich in der Annahme mobiler E-Mails derzeit ein wenig langsamer unterwegs als die USA. Aber auch bei uns findet man Menschen in jeder Lebenssituation über ihre mobilen Geräte gebeugt, Mails und SMS auf Minitastaturen schreibend. Nach der PC-, der Spiele- und der Internetsucht kommt also jetzt die E-Mail-Sucht, vor der wir uns hüten sollen.

Hektisch

Tatsächlich kann ich bei mir ebenso wie bei vielen Menschen in meiner Umgebung beobachten, dass der regelmäßigeCheck nach neuer E-Mail zur Routine wurde, meist alle paar Minuten, und natürlich nicht nur in den Bürozeiten. Und jede Mail hat eher einen beunruhigenden Effekt statt einen beruhigenden: Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, in den Lauf der großen oder kleinen Welt nicht einbezogen zu sein.

Sucht?

Aber deswegen von Sucht sprechen? Das erscheint mir in Hinblick auf Alkohol- oder sonstige Drogensucht deplatziert. Und es geht an der eigentlichen Thematik vorbei: Die Neuorganisation unseres Arbeits- und Privatlebens, bei der die Grenzen verwischen. Natürlich nicht nur, aber auch zu unserem Vorteil: Auch abends und am Wochenende erreichbar zu sein, kann nervend und belastend sein - aber im Gegenzug steht der mögliche Gewinn, nicht mehr an fixe Arbeitszeiten und Orte gebunden zu sein.

Am Laufenden

Vor allem Menschen mit kleinen Kindern wissen dies meist zu schätzen, da es (die Kooperation von Arbeitgebern vorausgesetzt) besser ermöglicht, beide Anforderungen unter einen Hut zu bekommen. Und wir lesen unsere Mails ja nicht nur, um über die Arbeit am Laufenden zu bleiben: Sie sind das Vehikel, um sozialen Kontakt zu halten, mit Kolleginnen und Kollegen ebenso wie mit Freunden.

Geteilt

Eine damit verbundene Problematik nennt die Sozialforscherin Linda Stone, die bei Apple und Microsoft User-Forschung betrieb, die "ständig geteilte Aufmerksamkeit" in unserer Zeit. Ungeteilte Aufmerksamkeit für eine Sache oder einen Menschen wird zu einer raren Qualität: Fast immer ist ein Teil unserer Wahrnehmung und Aufmerksamkeit am "Scannen", ob es etwas anderes gäbe, das unsere Zuwendung mehr verdient als das, was wir gerade tun.

Dranbleiben

Diese Frage verdient weitere Beobachtung: Sind wir dabei, unsere Aufmerksamkeit insgesamt durch die höheren Anforderungen zu steigern und zu erweitern, oder verlieren wir dabei Tiefgang und Zuwendung - Fähigkeiten, die Meditation und andere Traditionen zu stärken suchen. Gut möglich, dass diese Entwicklung (auch in Hinblick auf unser Tempo) uns einfach zu höheren Leistungen befähigt, ohne dass wir deswegen etwas aufgeben. Von Marathonläufern nehmen wir ja auch nicht an, dass sie die Fähigkeit zum Langlauf bei langsameren Bewegungen benachteiligt - warum sollte dies dann bei geistigen Marathons der Fall sein?

Quelle: Standard

 

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