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Schulweg : Erwachsene oft als schlechtes Vorbild

Aktuelle Untersuchung zeigt viel Verbesserungspotential auch bei Eltern

23.09.2005

Seit drei Wochen geht es vor Österreichs Schulen wieder rund. In den frühen Morgenstunden strömen tausende von Kindern an ihren "Arbeitsplatz" - manche schon völlig selbstständig, andere in Begleitung ihrer Eltern. Es ist eine der unfallträchtigsten Zeiten des Tages, denn im morgendlichen Tumult kann die Übersicht schon einmal verloren gehen. "Dass vor allem Volksschulkinder mit der Verkehrssituation überfordert sind, ist verständlich", merkt Mag. Armin Kaltenegger, Institutsleiter des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV), an. "Leider mussten wir aber feststellen, dass sich Eltern in vielen Fällen nicht als imitationswürdige Vorbilder erweisen." Im Umfeld von 120 Volksschulen in ganz Österreich hat das KfV (unterstützt von Fessel GfK) erhoben, wie sich Kinder und ihre erwachsenen Begleiter am Schulweg verhalten, wie viel Achtsamkeit Autofahrer den Kindern entgegen bringen und wie ernst es Eltern mit der richtigen Sicherung ihres Nachwuchses im Pkw nehmen. Die Ergebnisse sollten zu denken geben.

Kinder reagieren spontan und ohne realistisches Gespür für Gefahren. Bei Ablenkung vergessen sie eingeübtes Verhalten. Deshalb kann man als Lenker eines Fahrzeuges nie darauf vertrauen, dass Kinder richtig agieren. Das zeigen auch die Resultate der Untersuchung: Etwa 17 Prozent der insgesamt 6.000 beim Queren der Straße beobachteten Kinder begaben sich in gefährliche Situationen, wenn sie alleine unterwegs waren. Weitere 15 Prozent waren am Schulweg zu zweit oder in einer Gruppe unterwegs und dabei so abgelenkt, dass sie nicht mehr richtig auf den Verkehr achteten. Die am öftesten registrierte Unachtsamkeit war, dass es vor oder während dem Überqueren der Straße keinen Blickkontakt mit dem Fahrzeuglenker gab (12 %). Das macht es für die Fahrer schwierig, das Vorhaben eines Kindes abzuschätzen, umgekehrt können die jungen Verkehrsteilnehmer weniger rücksichtsvolle Lenker leicht übersehen. Gleich an zweiter Stelle folgte das Queren an gefährlichen Stellen (11 %), zum Beispiel vor Kuppen oder Kurven. Recht gut dürfte in den Köpfen der Kleinen verankert sein, dass man Querungshilfen nutzen sollte, wenn welche vorhanden sind. Nur jedes 20. Kind machte keinen Gebrauch von Zebrastreifen und Co. Etwa fünf Prozent der beobachteten Kinder rannten einfach auf die Straße. "In der Straßenverkehrsordnung ist wegen dieser Unberechenbarkeit von Kindern auch der 'unsichtbare Schutzweg' verankert", merkt Projektleiterin Mag. Karin Weber an. "Das bedeutet, dass Kindern - egal ob allein oder in Begleitung Erwachsener - überall das ungehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn ermöglicht werden muss."

Es ist lobenswert, wenn Eltern ihre Kinder zu Fuß zur Schule begleiten und auf diese Weise immer wieder die Teilnahme am Verkehrsgeschehen üben. Verantwortungslos ist aber, wenn Eltern genau jene Fehler vorleben, die für ein Kind tödlich enden können. Insgesamt wurden 866 Eltern beobachtet, die ihre Kinder zu Fuß zur Schule brachten. Jeder siebente Erwachsene beging dabei einen oder gleich mehrere Fehler. Waren im Schulumfeld gefährliche oder unübersichtliche Stellen vorhanden, wurden ausgerechnet diese sogar von fast jedem vierten Erwachsenen genutzt. Es hat wohl auch mit der Hektik am Morgen zu tun, dass nicht grundsätzlich der sicherste, sondern der kürzeste Weg gewählt wird. Auf diese Art und Weise gefährden Eltern nicht nur sich selbst, sondern vor allem ihre Kinder. Die Kleinen verinnerlichen das vorgelebte Verhalten und wenden es auch an, wenn sie alleine unterwegs sind. Zusätzlich müssen auch fremde Kinder mit ansehen, wie sich Erwachsene selbst nicht an das halten, was sie predigen. "Das ist ein Kreislauf, der unterbrochen werden muss", mahnt Weber.

Jedem Autofahrer, der zwischen sieben und acht Uhr durch ein Schulgebiet fahren muss, sollte klar sein: Weg vom Gas und Augen auf, um kleinere oder größere Fehler von Kindern durch schnelle Reaktion auszugleichen. Zumindest sollte es heißen: Vor Schutzwegen stehen bleiben und Kinder queren lassen. Rund 90 Prozent der beobachteten Autofahrer hielten sich daran. Die übrigen zehn Prozent ignorierten aber die wartenden Schüler am Straßenrand und setzen ihr Unrecht auf freie Fahrt durch. Unrecht, weil seit 1994 Fahrzeuglenker Fußgängern, die sich auf einem Zebrastreifen befinden oder diesen erkennbar benützen wollen, das ungehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn ermöglichen müssen. Noch weniger wissen Autofahrer scheinbar über den "unsichtbaren" Schutzweg für Kinder: Gemäß §29a der Straßenverkehrsordnung (StVO) gilt dieser immer und überall im Straßenverkehr. Kann der Lenker erkennen, dass Kinder die Fahrbahn einzeln oder in Gruppen, beaufsichtigt oder unbeaufsichtigt, überqueren wollen, hat er ihnen das unbehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen und muss - falls erforderlich - anhalten. Jeder siebente beobachtete Autofahrer hielt sich allerdings nicht an diese Vorschrift.

Schulbusse sind durch eine knallorange, quadratische Tafel gekennzeichnet, auf der zwei Kinder zu sehen sind. Wenn Schulbusse halten, schalten die Buslenker zusätzlich die Alarmblinkanlage und Warnleuchte ein. Jeder zweite Autofahrer scheint damit aber keine besonderen Verhaltensvorschriften zu verbinden. 1994 wurden die Regeln für das Vorbeifahren an in Haltestellen stehenden Schulbussen verschärft. Laut § 17 (2a) der StVO gilt für den nachkommenden Verkehr die Anhaltepflicht, auch wenn der Schulbus in einer Busbucht hält. Bei der durchgeführten Beobachtung hielten sich 46 Prozent der Lenker nicht an diese Vorschrift und fuhren am Schulbus vorbei. Zwar machen Querungsunfälle bei Schulbusunfällen "nur" etwa zwei Prozent aus, die Unfallfolgen sind aber wesentlich gravierender. "Ein Kernproblem ist sicher, dass diese Regelung kaum bekannt ist", gibt Weber zu bedenken. "Ein zweiter Aspekt ist, dass sich die Fahrzeuglenker eher auf den Gegenverkehr konzentrieren, der nicht anhalten muss, anstatt auf die Kinder." Als vorbildlich gilt die Regelung in den USA: Dort klappt der Buslenker Stopptafeln aus, der gesamte Verkehr muss stehen bleiben. Neben der Lackierung in Signalfarbe sind die ausschließlich für den Schülertransport verwendeten Busse auch mit mehreren Warnblinklichtern an Front und Heck versehen.

Falsche oder nicht vorhandene Kindersicherung führt seit 1. Juli 2005 die Hitliste bei den bisher "vergebenen" Vormerkungen deutlich an. Wie ungenau es Eltern oft mit dem Schutz ihrer kostbaren kleinen Mitfahrer nehmen, hat auch die Beobachtung gezeigt. 60 Prozent jener 2.562 Kinder, die mit dem Auto zur Schule gebracht wurden, waren mit Kindersitz, Gurt- oder Sitzpolster am Rück- oder Vordersitz gesichert. Fast jeder zweite Volksschüler wurde aber vollkommen ungesichert zur Schule gebracht! Um sicher zu gehen, dass sich die Kinder nicht kurz vor der Schule abgeschnallt hatten, wurde die Beobachtung 200 Meter vor den Halteplätzen wiederholt - mit demselben Ergebnis. Das eigene Leben scheint den Erwachsenen mehr wert zu sein: Drei Viertel der Eltern, die ihr Kind mit dem Auto zur Schule brachten, waren angeschnallt. "Offensichtlich nimmt der Grad der ordentlichen Sicherung mit zunehmendem Alter der Kinder und morgendlicher Hektik am Morgen deutlich ab", ist Weber besorgt. "Viele denken auch, dass es sich nur um eine kurze Strecke handelt und da wird schon nichts passieren." Allerdings kann schon ein Aufprall mit 15 km/h für ein nicht gesichertes Kind tödlich enden. Gibt es bei 50 km/h eine Vollbremsung, entspricht das einem Sturz aus zehn Metern Höhe.

"Am effizientesten ist es, wenn Eltern ihren Kindern richtiges Verhalten im Straßenverkehr vorleben", appelliert Kaltenegger an die Vernunft der Erwachsenen. "Das verlangt am Morgen einiges an Disziplin, damit genug Zeit für die richtige Sicherung im Auto oder das Überqueren an den sichersten und nicht an den kürzesten Stellen bleibt." Wertvolle Unterstützung bei der Bewusstseinsbildung können Kindergärten und Schulen leisten. Über den normalen, gesetzlich vorgeschriebenen Umfang von Verkehrserziehung mit Exekutivbeamten für Volksschüler sollten zusätzlich Elternabende angeboten werden, die den Eltern die Augen für fremd- und selbstverschuldete Gefahren im Straßenverkehr öffnen. "Dazu ist es aber auch notwendig, dass Verkehrserziehung einen höheren Stellenwert bekommt und Kindergärten und Schulen in ihren Bemühungen mit Materialien, Referenten und Kursangeboten unterstützt werden", fordert Kaltenegger. Eine stärkere Sensibilisierung wäre auch mit Hilfe der Fahrschulen möglich. "Angesichts der schlechten Anhaltemoral im Schulumfeld ist aber auch stärkere Überwachung nötig", fordert Kaltenegger. Denkbar wäre etwa eine vorangekündigte, mobile Videoüberwachungsanlage bei Schutzwegen, die in den Morgenstunden zum Einsatz kommt. "Die Möglichkeit, bei einer gesellschaftlich verpönten Handlung - nämlich der Gefährdung von Kindern - ertappt zu werden, könnte viele den Fuß vom Gaspedal nehmen lassen. Im Sinne der Sicherheit unserer Kinder wäre ein Pilotprojekt dazu sehr sinnvoll", fordert Kaltenegger Exekutive, Städte und Gemeinden zur Zusammenarbeit auf.

Quelle: KfV

 

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