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Fast 6.000 verletzte Radfahrer pro Jahr !

Konfliktbeladenes Miteinander von Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern

09.04.2008

Das Fahrrad liegt im Trend und genießt mittlerweile eine große Verbreitung in allen Altersgruppen. Fahrradfahren hat jedoch auch gefährliche Seiten. Im Vorjahr verunglückten in Österreich 37 Radfahrer bei Verkehrsunfällen tödlich, 5.775 wurden verletzt (Steigerung gegenüber 2006: acht Prozent). Das dieswöchige Symposium der Ärztlichen Kraftfahrvereinigung Österreich (ÄKVÖ) und des ÖAMTC beschäftigt sich sowohl mit den Schattenseiten des Radfahrens, nämlich den Unfallsituationen und Konflikten, als auch mit den positiven Aspekten des Fahrrades als Sportgerät und als umweltfreundliches Fortbewegungsmittel.

"Besonders Fehlverhalten sorgt für Konfliktstoff und spielt auch als Unfallursache eine große Rolle", sagt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Dora Donosa. Riskantes und rücksichtsloses Verhalten ist sowohl bei Radfahrern als auch bei Autofahrern zu beobachten. Beide neigen aber gerne dazu, den Fehler in der jeweils anderen Verkehrsteilnehmer-Gruppe zu suchen. "In Befragungen werden speziell Überholsituationen, die Verringerung des Abstands zwischen Autos und Radfahrern im fließenden Verkehr und Missverständnisse beim Rechtsabbiegen, speziell wenn dabei ein Radweg überquert wird, thematisiert. Wahrgenommen werden auch die Aggressionen der Autofahrer, die sich durch Radfahrer provoziert fühlen, beispielsweise, wenn diese nebeneinander fahrend die Straße blockieren", berichtet Herwig Scholz, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.

"Ein riesiges Gefahrenpotenzial für Unfälle ist die Tatsache, dass bei weitem nicht alle Vorschriften für Radfahrer im Bewusstsein der Verkehrsteilnehmer verankert sind", warnt ÖAMTC-Rechtsberater Martin Stichlberger. "Besonders bei Verhaltensbestimmungen und Vorrangregeln auf diversen Radfahranlagen gibt es große Wissenslücken und Irrtümer." So hält sich bei manchen Radfahrern beispielsweise hartnäckig das Gerücht, dass sie prinzipiell gegen die Einbahn fahren dürfen. Falsch ist auch der Glaube, dass man mit dem Rad angeheitert ohne Gefahr für den Führerschein vom Heurigen nach Hause fahren kann. Viele Autofahrer befinden sich weiters in der irrigen Meinung, dass "das Vorschlängeln" für Radfahrer prinzipiell verboten sei. Der ÖAMTC-Rechtsberater plädiert daher für eine Gesamtreform des Verkehrsrechts für Radfahrer. "Vorschriften müssen verständlich und praxisgerecht sein und auch von Kindern verstanden werden." Weiters tritt Stichlberger für eine Versicherungspflicht für Radfahrer ein.

Angaben der interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft für medizinische Verkehrssicherheit und Unfallforschung an der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie zufolge ist fast jeder dritte verunglückte Radfahrer (30 Prozent) zum Unfallzeitpunkt auch alkoholisiert. Untersuchungen der Psychiater, die mit der Universitätsklinik für Unfallchirurgie und dem Institut für Gerichtsmedizin in Innsbruck kooperieren, zeigen Alkoholblutwerte der Unfallopfer von durchschnittlich 1,7 Promille. "Damit liegt der Trunkenheitsgrad der Radfahrer noch um 0,2 Promille höher als der verletzter Autofahrer und Beifahrer. Bei neun Prozent der Unfallopfer wurden ferner Beruhigungsmedikamentenachgewiesen", berichtet die Leiterin der gemeinsamen universitären Arbeitsgruppe in Innsbruck und Vorstandsmitglied der ÄKVÖ, Univ.-Prof. Dr. Ilsemarie Kurzthaler. Tendenziell erhöhe sich durch den Einfluss dieser Drogen der Verletzungsgrad, da sie beim Sturz die Abfangreaktion reduzieren: Radfahren sei aufgrund seines Bewegungsablaufs ein komplexer, psychomotorisch aufwändiger Prozess, und daher seien alkoholisierte und benommene Radfahrer noch stärker unfallgefährdet als Autofahrer.

Kommt es zu Unfällen, so zeigen sich bei Radfahrern vor allem bei Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmern oder Hindernissen schwerste und nicht selten lebensbedrohliche Verletzungsmuster. Unfallchirurg und ÖAMTC-Vizepräsident Harald Hertz: "Viele Radfahrer sind sich der zahlreichen Verletzungsrisiken nicht ausreichend bewusst. In Anbetracht der Häufigkeit und mitunter auch der Schwere von Fahrradunfällen zeigt sich, dass nur intensive Schulungen und Aufklärung der richtige Weg zu einer nachhaltigen Unfallprävention sein können. Dazu gehört auch die Information über bestmögliche Schutzkleidung und die sicherheitstechnische Ausrüstung des Fahrrads."

ÖAMTC-Techniker Steffan Kerbl stellt beim ÄKVÖ-Symposium verschiedene geläufige Fahrrad-Typen vor. "Jedes Fahrrad hat seine eigene Fahrphysik und damit auch ein eigenes Unfallverhalten. Dieses sollte man als Fahrer unbedingt kennen", so der ÖAMTC-Experte.

Eltern sind gefordert, in Sachen Sicherheit für ihre Kinder mitzudenken. Alarmierend sind die Zahlen, die Peter Spitzer von "Große schützen Kleine" in Graz nennt: Alleine in der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie in Graz werden in der Altersgruppe der bis zu 14jährigen Kinder pro Jahr rund 560 Unfälle mit Zwei- und auch Dreirädern medizinisch behandelt. Das Fahrrad ist mit 75 Prozent Unfallanteil mit Abstand das gefährlichste Fortbewegungsmittel für Kinder, gefolgt von Scootern mit rund 17 Prozent. 35 Prozent der Radfahrunfälle mit Kindern geschehen auf öffentlichen Verkehrsflächen. Knapp 91 Prozent der Unfälle sind Einzelstürze, die mit der Fahrradbeherrschung beispielsweise beim Kurvenfahren oder Bremsen zusammenhängen. "In einer Selbsteinschätzung geben sich die Kinder jedoch sehr gute Noten, das heißt, sie erkennen das Gefahrenpotenzial nicht", so Spitzer.

Im Diskurs mit allen Problemstellungen darf eines nicht vergessen werden: Radfahren ist eine Tätigkeit, die die Lebensqualität nachhaltig steigern kann. Hans Holdhaus, Leiter des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung betont: "Radfahren verbessert Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Reaktion. Gleichzeitig bietet es auch Erlebnis, Entspannung, Herausforderung, und das alles noch dazu in der freien Natur." Und darüber sind sich alle Teilnehmer des Symposium einig: Radfahren kann und soll Freude machen.

Quelle: ÖAMTC

 

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