Herzlich Willkommen!
Bitte lesen Sie » diesen Hinweis zur Webheimat-Gemeinde!
 
 
Schriftgröße:
12345
 
 

Ölkonzerne im Ethik-Test : Tanken mit Moral ?

Von einer weißen Weste in puncto ökologischer oder sozialer Verantwortung sind alle Firmen noch weit entfernt

16.11.2005


Während die hohen Treibstoff- und Heizölkosten das Haushaltsbudget der heimischen Verbraucher deutlich belasten, profitieren die Ölkonzerne von den rasch ansteigenden Rohölpreisen. Die hohen Gewinne der Firmen sind nur ein Punkt von vielen, der Kritiker auf den Plan ruft: Die Produkte der Ölmultis sind Hauptverursacher des Treibhauseffekts, lecke Öltanker und undichte Pipelines bedrohen das Ökosystem, und hinter vielen kriegerischen Auseinandersetzungen stehen die wirtschaftlichen Interessen der Konzerne. Kein anderer Industriezweig steht deshalb derart unter Beschuss wie die Ölbranche, deren Image ebenso schwarz ist wie das Erdöl, das sie verkaufen. Doch sind alle Akteure in diesem Spiel um Macht und Geld gleichermaßen zu verurteilen oder gibt es nicht auch Firmen, die sich glaubwürdig um Besserung bemühen?

Das Testmagazin "Konsument" hat - im Rahmen eines internationalen Gemeinschaftstests - die soziale Verantwortung der Ölmultis unter die Lupe genommen. Untersucht und bewertet wurden Aktivitäten im Bereich Umwelt und Soziales sowie die Informationsoffenheit der Unternehmen. Im Test: Alle sechs in Österreich tätigen Mineralölkonzerne sowie die größte Ölhandelsfirma am heimischen Markt.

Klare Spitzenreiter im "Konsument"-Ranking mit deutlichem Abstand zur Konkurrenz: BP und Shell. Die österreichische OMV ist dagegen nur Durchschnitt - sie hinkt vor allem im Umweltbereich den Branchenführern deutlich nach. Schlusslicht bildet die Ölhandelsfirma AVIA, die das Thema soziale Verantwortung lt. "Konsument" völlig ignoriert. "Schwarze Flecken gibt es in jedem Konzern. Selbst die Branchenführer sind von einer weißen Weste in puncto ökologischer oder sozialer Verantwortung noch weit entfernt", kommentiert Franz Floss, zuständiger Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation (VKI), das Ergebnis des Ethik-Tests.

Die Bedingungen, unter denen Produkte und Dienstleistungen hergestellt und vermarktet werden, spielen für Verbraucher eine immer wichtigere Rolle. "Mit unseren Ethik-Tests liefern wir die nötigen Informationen für ethischen Konsum", erklärt "Konsument"-Chefredakteur Gerhard Früholz. Zwar sind bei den meisten Produkten Preis und Qualität kaufentscheidend, bei Benzin und Diesel haben diese Kriterien jedoch kaum Bedeutung: Kfz-Treibstoff ist in Österreich ein relativ homogenes Produkt: Die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Marken sind gering, die Preisunterschiede marginal. "Tanken mit Moral ist daher so einfach wie in kaum einer anderen Branche", unterstreicht Früholz.

Am heimischen Ölmarkt sind sechs Konzerne tätig, die von der Förderung von Rohöl über die Verarbeitung in Raffinerien bis zum Detailverkauf über das eigene Tankstellennetz alle Stufen kontrollieren: BP, OMV – dazu zählen auch die Marken Avanti und Stroh –, Shell, Esso, Agip und Jet. Sie alle wurden – ebenso wie Avia, die größte Ölhandelsfirma in Österreich – in den Test miteinbezogen.

Um das soziale Verantwortungsbewusstein zu untersuchen, forderte "Konsument" die Unternehmen auf, Belege für ihre Aktivitäten vorzulegen. Darüber hinaus wurden Berichte von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften in den Test miteinbezogen. Beurteilt wurden zehn Indikatoren aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Informationsoffenheit. Gefragt waren etwa ein zertifiziertes Umweltmanagementsystem, die Einhaltung von Sozialstandards oder Auflagen an Zulieferer. Für die einzelnen Prüfpunkte gab es Noten von "A" bis "E": "A" bedeutet, dass (fast) alle definierten Bedingungen erfüllt werden; "E" dagegen besagt, dass das Unternehmen (fast) keines dieser Kriterien erfüllt. Die Bewertung erfolgte im Verhältnis zum Branchenstandard: Ein A-Rating bedeutet also nicht "sehr gut", sondern lediglich "über dem Branchen-Durchschnitt".

BP und Shell zählen innerhalb der Ölbranche zu den Pionieren in puncto sozialer Verantwortung. Beide Konzerne bemühen sich glaubwürdig um Verbesserung. Während sich BP vor allem durch umfangreiche Umweltmaßnahmen positiv hervorhebt, spielt Shell die führende Rolle im sozialen Bereich. "Doch trotz aller Verbesserungen erreicht selbst der Branchenvorreiter BP nur in drei von zehn Bereichen die bestmögliche Bewertung A", betont Peter Blazek, Projektleiter der "Konsument"-Ethik-Tests.

Bereits einen deutlichen Abstand zu den Spitzenreitern fährt die OMV ein. Während der österreichische Mineralölkonzern im sozialen Bereich stark punktet, sind die Umweltaktivitäten des Unternehmens – immerhin größter Player der Ölbranche in Mittel- und Osteuropa – im Vergleich zu BP und Shell wenig ambitioniert. Das Argument, dass die OMV als vergleichsweise kleiner Konzern den "Global Playern" nicht das Wasser reichen kann, lässt Peter Blazek nicht gelten: "Die finnische Neste Oil und die spanische Repsol belegen, dass auch kleinere Unternehmen mit den Branchenführern mithalten können". Beide Konzerne liegen etwa gleichauf mit BP und Shell.

Esso und Jet sind bei Umweltaktivitäten ähnlich zurückhaltend wie die OMV, in puncto Informationsoffenheit erreichen sie aber bessere Werte als das heimische Unternehmen. Nur beim sozialen Engagement hebt sich die OMV klar vom Durchschnitt ab. Nachzügler unter den Ölkonzernen ist die italienische Marke Agip.

Völlig desinteressiert zeigen sich dagegen Ölhandelsfirmen. Avia, die größte unabhängige Marke in Österreich, hüllt sich in Schweigen, soziale Verantwortung wird vollständig ignoriert.

Nur ein Unternehmen in Österreich erfüllt weitgehend das zentrale Kriterium für ökologisches Verantwortungsbewusstsein. BP lässt als einziger Konzern seine Umweltaktivitäten zu mehr als 90 Prozent extern zertifizieren. Die OMV kommt demgegenüber erst auf 50 Prozent. "Generell schlecht ist es um Umweltmaßnahmen im Distributionsbereich, sprich Treibstoffdepots und Tankstellen, bestellt. Alle Unternehmen halten sich mit Informationen darüber auffallend bedeckt", berichtet Blazek.

Etwas besser fällt das Ergebnis bei den sozialen Aktivitäten der Unternehmen aus, was allerdings auch an den niedrigeren Anforderungen liegt. Die meisten Ölmultis haben sich zwar zur Einhaltung sozialer Mindeststandards verpflichtet, die (externe) Kontrolle darüber ist aber noch unzureichend gesichert.


Der Verein für Konsumenteninformation hat als erste klassische Verbraucherorganisation weltweit mit der Durchführung von Ethik-Tests begonnen. Seit mittlerweile fünf Jahren informiert der VKI in seinem Testmagazin "Konsument" Leser nicht nur über Produkteigenschaften, sondern auch über Produktionsbedingungen von Waren und Dienstleistungen. Mittlerweile wurden knapp 30 Ethik-Tests durchgeführt und in "Konsument" veröffentlicht. Die Liste der getesteten Unternehmen ist lang und beinhaltet beispielsweise Laufschuh-Hersteller, Waschmittel- und Spielzeugproduzenten sowie Fast-Food-Ketten. Für das Jahr 2006 stehen unter anderem die Pharmaindustrie sowie – anlässlich der Weltmeisterschaft in Deutschland – Fußballhersteller auf dem Testprogramm von "Konsument".

Quelle: VKI



 

Top-News und

Testberichte

 
 
 

Promotion