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Der Lois und die Mischbachalm

Ein uriges Wochenende am Berg


08.06.2010

Auf der Mischbachalm am Fuß des Habichts in den Stubaier Alpen trotzt Senn Alois "Lois" Siller seit mehr als 25 Jahren dem Fortschritt. Das Almgebäude gleicht einem Notstall, die Gäste schlafen in der Tenne in Heubetten und können dem Senn beim händischen Melken der Kühe und Ziegen helfen. Strom ist praktisch Fehlanzeige, wer auf`s stille Örtchen will, muss sich mit einem Plumpsklo zufrieden geben. Und mit einem Fahrzeug ist die Mischbachalm ohnehin nicht zu erreichen.

Ich bin in Neugasteig, gleich hinter Neustift im Stubai, zur Mischbachalm aufgebrochen. Zunächst habe ich noch den bequemen Forstweg benützt - der hört freilich in 1400 Meter Höhe auf. Dann führt nur noch ein Steig ans Ziel, das ich nach zwei Stunden erreiche. Das Almhaus ist äußerlich einem Notstall tatsächlich nicht unähnlich. Rundherum spazieren Hennen und Ziegen, nicht weit entfernt weiden die Kühe. Innerhalb der Abzäunung unterhält sich ein Mann mit weißem Rauschebart mit Gästen. Typ Almöhi. Der ist der leibhaftige Senn und Wirt der Mischbachalm. "Servus Lois!"

Heute hat ihm ein Verwandter beim Kochen geholfen. "Ohne die Unterstützung von Freunden und Verwandten ginge hier heroben nichts", erzählt Lois. Das zeigt sich bereits beim Almauftrieb im Frühjahr. "Wir müssen ja sämtliche Tiere über den schmalen und ausgesetzten Steig auf die Alm treiben." Frische Lebensmittel bringen ebenfalls regelmäßig fleißige Helfer aus dem Tal, weil es nicht einmal eine Materialseilbahn gibt. Wir reden, die Zeit verfliegt. Der Wirt muss allmählich seinen "Job" als Senn erfüllen und nach den Tieren sehen. "Sehr weit hat sich das Milchvieh nicht entfernt", freut sich der 60-Jährige. Die Ziegen sahen ebenfalls wenig Veranlassung, eine ausgedehnte Wanderung zu unternehmen. Der eine oder andere Lockruf genügt, schon kommen die Vierbeiner zur Alm zurück. Während anderswo nun eine Melkmaschine angeworfen wird, greift der Senn hier selbst zu den Zitzen.

Nachdem inzwischen auch die Hühner den Weg in den Stall gefunden haben, steht die Verwertung der Kuhmilch an. In einem kleinen Nebenraum befindet sich eine Zentrifuge. Elektrisch läuft die natürlich nicht. Da muss der Senn schon selbst die Kurbel bedienen. Außer seine Gäste nehmen ihm wie an diesem Abend den Job ab. Gekocht wird in der Regel am Holz- bzw. Gasherd. Ein bisschen Tribut hat der Siller Lois dem Fortschritt zuletzt allerdings doch gezollt. Im Vorraum steht jetzt nämlich eine mit Gaskartusche betriebene Kühltruhe. Für den Kaiserschmarrn, den er später den drei Gästen, die über Nacht bleiben, und mir zubereitet, braucht er aber nichts gefroren Konserviertes zu nehmen. Nein, die Ingredienzien des Schmarrns sind mehr als frisch. Dafür zeichnen die Hühner im Stall verantwortlich.

Die Sonne hat sich inzwischen längst verzogen, die Nacht bricht herein. In der Mischbachalm heißt es, mit drei Halogenlämpchen das Auslangen finden. Eine Autobatterie sowie ein provisorisches "Kraftwerk" dienen als Energiequelle. "Kraftwerk" nennt der Lois jedenfalls seine Eigenkonstruktion hinten am Bach, die er stets im Frühjahr auf- und im Herbst abbaut.
Meist legt sich der Hausherr früh ins Bett. "Um 5.30 Uhr wartet ja schon wieder die Arbeit", sagt Lois. Heute macht er eine Ausnahme und nimmt sich Zeit für einen längeren "Ratscher", wie die Tiroler eine Plauderei nennen. Das Dosenbier mundet, die Anekdoten höre ich gern. "Einmal habe ich eine Henne regelrecht aus den Klauen eines Habichts befreit. Mit bloßen Händen habe ich damals den Raubvogel von der Beute geklaubt", erzählt der Senn. Ganz ohne Verletzung ging der Zweikampf freilich nicht ab - ein paar Narben an seinen Händen sind geblieben. Bis vor einigen Jahren zog es den Lois abends oft ins Tal, um Butter und Topfen hinab zu bringen. Inzwischen sieht ihn die Zivilisation im Sommer nur noch äußerst selten. Sechs Wochen war er zuletzt nicht mehr unten.

Genug gequatscht, Zeit schlafen zu gehen. Das legendäre Nachtquartier der Mischbachalm befindet sich in der Tenne - über dem Stall und direkt unter dem Dach. Dort liegt es sich sehr bequem auf den Heuvorräten. Die Kissen zum Zudecken sind ebenfalls mit Heu gefüllt. Als ich am folgenden Morgen aufwache, hat Lois bereits die meisten Stallarbeiten erledigt. Im Holzherd lodert das Feuer, einem Frühstück steht somit nichts im Weg. "Heute habe ich es eilig, bei dem prächtigen Wetter kommen bestimmt viele Gäste", sagt er. Da bedarf es einiger Vorbereitungen. Deshalb verwandelt sich der Senn erneut in den Koch. Die Sonntagshose will auch angezogen sein - nach ausgiebiger Morgentoilette im Bach.

Die drei Übernachter verabschieden sich am Vormittag. Lois hat inzwischen alles hergerichtet und setzt sich mit mir vor die Hütte. Bald gesellen sich auch die Hühner zu uns. "Wenn die Leute die Hennen sehen, wollen alle wieder Kaiserschmarrn aus deren Eiern", sinniert der Wirt und sieht sich schon pausenlos am Herd stehen. Für mich scheint es dann Zeit, ins Tal abzusteigen. Vorher trinke ich aber ein letztes Bier mit dem Hausherrn. Das Recycling der leeren Dose beginnt gleich hinten am Hackstock. Mit einem hölzernen Schlegel wird die Dose für den Abtransport im Rucksack platt gemacht. Nach einem Wochenende in wunderbarer Bescheidenheit wandere ich zurück hinab Richtung Tal. Am Ende der Forststraße steht das Auto von Lois. Spinnen haben längst Netze um die Räder geknüpft. "Oft zieht es ihn wirklich nicht in die Zivilisation", denke ich.

Mischbachalm, 1848 m, Tel.: 0664/5162639, bewirtschaftet von Ende Mai bis Ende September
Talort, Ausgangspunkt: Neugasteig (1150 m, Gemeinde Neustift i. Stubai)
Aufstieg: rund 2 Std.
Abstieg: rund 1 ½ Std.
Höhenunterschied: rund 700 Hm