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Zeitverschiebung : Schon 1 Stunde wirkt belastend

Chronobiologen sprechen von großen Lücken in der Erforschung der inneren Uhr

30.10.2007

Fast ein Viertel der Weltbevölkerung stellt zwei Mal im Jahr die Uhren um eine Stunde um. Die Auswirkungen auf den Organismus sind bisher nicht eindeutig geklärt. Ein Forscherteam der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hat nun gezeigt, dass diese Umstellungen drastischere Auswirkungen haben als bislang vermutet. Die innere Uhr des Menschen lässt bestimmte Verhaltensweisen und viele Prozesse im Körper in Zyklen ablaufen, berichten die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Current Biology.

"Die Frage, inwieweit sich die künstliche Zeitverschiebung auswirkt, ist subjektiv", erklärt Thomas Kantermann vom Zentrum für Chronobiologie am Institut für Medizinische Psychologie der LMU. "Die Zeitumstellung unterbricht abrupt die Anpassung der inneren Uhr an die jahreszeitlich bedingte Varianz des Tag-Nacht-Wechsels und erlaubt ihr im Herbst erst viel zu spät diese wieder aufzunehmen", so der Experte. Das Problem sei insbesondere beim Wechsel der Winter- auf die Sommerzeit deutlich spürbar. "Die innere Uhr passt sich mit Hilfe des Tageslichts an den 24-Stunden-Rhythmus der Umwelt an. Dieses so genannte Entrainment ist außerordentlich exakt." Besonders wichtig ist dabei die Dämmerung, also der Wechsel von Tag und Nacht.

Wie sensibel die Menschen auf das Sonnenlicht reagieren, zeigte sich in einer Untersuchung in Deutschland an rund 55.000 Menschen. Die Forscher haben festgestellt, dass die Sonne in Deutschland am östlichsten Punkt des Landes um 35 Minuten früher aufgeht, als am westlichsten Punkt. "Das Interessante daran war, dass die Schlafzeiten sehr genau nach diesem nur geringen Zeitunterschied organisiert werden", erklärt der
Wissenschaftler. Das Sonnenlicht bleibe einfach der wichtigste "Zeitgeber". Das Argument, bei der Zeitumstellung handle es sich "nur" um eine Stunde, trügt, meint auch Kantermanns Kollege, Till Roenneberg. "Wir waren selbst überrascht, wie stark die Effekte sind." Die innere Uhr passt sich aber auch genau an die saisonalen Veränderungen der Morgendämmerung an. "Im Winter ist sie auf spät, im Sommer auf früh gestellt. Diese minutiöse Anpassung wird jedoch durch die Zeitumstellung empfindlich gestört", argumentiert Kantermann. Umgekehrt blieben nämlich soziale Zeiten - wie Arbeitsbeginn etc. das ganze Jahr über gleich.

"Besonders dramatisch wirkt sich die Zeitumstellung auf die späten Chronotypen - das sind jene Menschen, die eher spät zu Bett gehen und dafür morgens länger schlafen - aus", erklärt Kantermann. Im Gegensatz zu diesen Eulen-Typen schlafen die so genannten Lerchen früh und stehen früh wieder auf. "Die Unterschiede zwischen den Chronotypen spiegeln sich exakt im Timing der Aktivitätsphasen im Laufe eines Tages wider", betont der Forscher. Wie schlecht sich die innere Uhr an die Zeitveränderung anpasse, sieht man besonders deutlich an späten Chronotypen, wenn im Frühjahr auf die Sommerzeit umgestellt wird. "Das biologische Timing bleibt einfach auf Normalzeit, während all ihre sozialen Aktivitäten um eine Stunde vorgestellt werden." Die Untersuchungen hätten aber auch gezeigt, dass sich die innere Uhr bei frühen Chronotypen am Beginn der Sommerzeit nicht vollständig umstelle.

"Weil die abrupte Veränderung der Uhrzeit nicht den tatsächlichen Zeiten der Dämmerung entspricht, hat selbst die eine Stunde Zeitumstellung weitreichende Konsequenzen." Die Forscher vergleichen dies mit einer "zwangsweisen" Verschiebung der gesamten Bevölkerung Deutschlands im Frühjahr nach Marokko. "Im Herbst werden alle wieder - ohne Zeitzone und Klima zurückzulassen - zurückgebracht", so Kantermann.

Noch wisse man wenig über die Langzeiteffekte solcher Zeitumstellungen. In allen industrialisierten Ländern lasse sich aber ein Verlust an "Saisonalität" beobachten, also einem geringer werdenden Einfluss der Jahreszeiten auf die menschliche Physiologie. "Möglicherweise ist dieses Phänomen zum Teil auf die Einführung der Zeitumstellung zurückzuführen. Das wäre dann ein weiteres Beispiel für harmlos scheinende Ursachen mit dramatischer Wirkung", schreiben die Forscher.

Quelle: pte

 

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