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Trichotillomanie : Krankhafte Lust am Haare ausreißen

Den "Ausreißern" kann aber geholfen werden

09.11.2006

Wer unter der Zwangsstörung Trichotillomanie (TTM) leidet, rauft sich nicht nur die Haare, sondern er reißt sie sich gleich ganz aus. Allein in Deutschland leiden nach Angaben der Diplom-Psychologin Dr. Antje Bohne von der Universität Münster rund 800.000 Menschen unter der in der Psychiatrie zur Zeit als Störung der Impulskontrolle - wie Pyromanie, Kleptomanie und Spielsucht - klassifizierten Erkrankung. Die Betroffenen verspüren den immer wiederkehrenden, unwiderstehlichen Drang, die Haare auszureißen. Das betrifft nicht nur die Kopfhaare, sondern manchmal auch Augenbrauen, Wimpern, Scham- und andere Körperhaare. Dabei fühlen Trichotillomanie-Patienten meist nicht einmal Schmerzen.

Vor dem Ausreißen fühlen sie eine hohe innere Spannung. Erst wenn sie sich einzelne Haare oder - selten - sogar Büschel ausgerissen haben, fühlen sich viele erleichtert. Eine besondere Befriedigung verschafft es den Betroffenen, wenn sie die Haarwurzel erwischt haben. Oftmals kauen sie auf den Haaren, beißen die Haarwurzel genussvoll ab und manche essen das Haar (Trichophagie). Es folgen Schuldgefühle.

Weil die Haare nicht in gleicher Dichte und Geschwindigkeit wachsen, wie sie ausgerissen werden, besteht die Gefahr, dass die Betroffenen mit der Zeit kahlköpfig werden. Mitunter dienen Kopftuch, Hut oder Perücke zum Verbergen.

Die Patienten neigen dazu, ihr Problem zu verharmlosen. Sie glauben außerdem oft, dass sie die einzigen sind, die unter dem Phänomen leiden. Dabei wurde die Krankheit schon in der Antike beschrieben. Der Name Trichotillomanie kommt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa soviel wie"Vorliebe fürs Haare ziehen". Erst Ende des 20. Jahrhunderts wurde Trichotillomanie als eigenständiges Krankheitsbild, als komplexe psychische Störung mit spezifischen Symptomen, Begleitererscheinungen und Begleiterkrankungen anerkannt.

Erst wenn der Leidensdruck sehr groß wird, stellen die Betroffenen sich einem Arzt vor. Untersuchungen in Kindergärten und bei Studenten haben nach Angaben der Hamburger Diplom-Psychologin Dr. Annett Neudecker gezeigt, dass Männer und Frauen gleichermaßen von der Trichotillomanie betroffen sind, meistens aber Kinder und Jugendliche. Der Anteil der Frauen, die Hilfe suchen, ist höher als der der Männer. Neudecker geht davon aus, dass Männer, die sowieso oft Haarausfall bekommen, ihr Leiden besser verstecken können. Oft sind die Trichotillomanie-Patienten gleichzeitig depressiv.

Die Lust am Haare ausreißen beginnt bei den meisten Patienten bereits im Alter von zwölf Jahren, manchmal sogar noch früher. Trichotillomanie ist heilbar. Behandelt werden Betroffene im Allgemeinen mit einer Verhaltenstherapie, die häufig gute Erfolge zeigt.

Die Ursachen für Trichotillomanie konnten bislang nicht eindeutig geklärt werden. Da der Zwang zum Haareausreißen häufig in Kombination mit anderen Symptomen wie Depressionen, Angstzuständen, anderen Zwangserkrankungen oder auch dem Tourette-Syndrom auftritt, sind Wissenschaftler noch nicht sicher, ob es sich bei der Trichotillomanie um eine eigenständige Krankheit handelt. Es gibt kein einheitliches Krankheitsbild, erklärt Prof. Dr. Iver Hand, Leiter der Verhaltens-Therapie Ambulanz an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). Geringes Selbstbewusstsein, Hang zum starken Perfektionismus, Stress, manchmal vererbte Prädisposition für Zwangserkrankungen, schwere emotionale Belastungen bei Eintritt in die Pubertät oder traumatische Erlebnisse, eine lieblose Kindheit und Missbrauch können eine Rolle spielen. Studien an Zwangserkrankten ergaben einen zu niedrigen Serotoninspiegel bei den Patienten. Ob dies die Ursache oder Folge des Haarereißens ist, bleibt so offen wie die Frage, ob die Henne zuerst da war oder das Ei.

Quelle: dgk

 

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