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Sport setzt Glückshormone frei - Überdosis möglich ?

Oftmals werden unerfüllte Lebensziele kompensiert

23.11.2006

Auch fürs Sporteln gelten die weisen Worte des Paracelsus: "Nichts ist Gift und alles ist Gift, allein die Dosis macht es aus". Die Spanne reicht von der gesunden Bewegung bis zur krankmachenden Abhängigkeit.

Allgemein spricht man von Sucht, wenn der Wunsch besteht, die Dosis der Droge immer weiter zu steigern, der Betroffene die Kontrolle über das Ausmaß seines Konsums verliert, wenn das Alltagsleben an die Sucht angepasst wird, wenn es bei Abstinenz zu Entzugserscheinungenkommt, wenn weiter konsumiert wird, obwohl die schädlichen Folgen bekannt sind.

Diese Kriterien finden sich auch bei Sportsüchtigen. Bei Erlebnissportarten wie etwa dem Bungee-Jumping ist es vor allem der Adrenalin-Kick, den die Betroffenen immer wieder anstreben. Doch das anfangs so überwältigende, intensive Glücksgefühl wird mit jedem Sprung flacher. Folglich geraten Adrenalin-Junkies in eine Spirale, die sie dazu treibt, den Nervenkitzel zu steigern. Führt der Sprung vom Kran nicht mehr zum Kick, will der Betroffene sich von der Brücke, später von einer Klippe stürzen, um das anfangs empfundene Glücksgefühl erneut hervorzurufen.

Ausdauersportler geraten in die Suchtspirale, wenn sie es mit dem Leistungsdenken übertreiben und die Trainingsabstände entsprechend verkürzen bzw. die Belastung steigern. Wer immer wieder erfolgreich Marathon läuft, sucht nach neuen Herausforderungen. Das nächste Ziel wird dann vielleicht die doppelte Distanz, oder ein Marathon durch die Wüste sein.

Auch Sportsüchtige entwickeln Entzugserscheinungen: Bleibt das Training aus, fühlen sie sich unausgeglichen und gereizt, leiden an Unruhe, Nervosität, Kopf- oder Magenschmerzen, möglicherweise an Ängsten, Depressionen, Schlafstörungen oder Appetitverlust. Manche entwickeln gar Herzrhythmusstörungen. Wird das Training wieder aufgenommen, verschwinden diese Symptome schnell wieder. Jede Pause wird dann wieder genutzt, etwa um zu joggen, im Fitness-Studio Gewichte zu stemmen oder Rad zu fahren.

Wer vom Sport abhängig ist, tut seinem Körper nichts Gutes, sondern betreibt massiven Raubbau: Da wird trotz körperlicher Erschöpfung, Verletzungen und Schmerzen weiter trainiert, ohne Rücksicht auf das tatsächliche Wohlbefinden.

"Das Bedürfnis nach immer mehr Bewegung erfüllt für die Betroffenen einen sportfremden Zweck und dient lediglich als Ersatz für ,andere‘ unerfüllte Lebensziele. Der Drang zur Bewegung resultiert aus einem Unbehagen, einer zunehmenden inneren Anspannung, einem Gefühl des Nicht-mehr-zur-Ruhe-Kommens. Hier kann einerseits die euphorisierende Wirkung des Sporttreibens zum Tragen kommen und andererseits der spannungslösende Effekt", so Prof. Dr. Michael Bach, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeut am Zentrum für Innere Medizin und Psychosomatik in Enns.

Besonders gefährlich wird es, wenn Betroffene ein umfangreiches, aggressives Training betreiben und gleichzeitig Essstörungen entwickeln. Von ,,Anorexia athletica" ist die Rede, wenn passionierte Sportler extrem wenig essen. Menschen mit "Bulimia athletica" bekommen regelrechte Fressanfälle. Nach der Attacke wird jede als zuviel empfundene Kalorie mit hartem Training wieder "abgeschmolzen".

Viele Sportsüchtige haben unrealistische Vorstellungen vom idealen Körper bzw. eine gestörte Körperwahrnehmung: Bei Frauen ist es eher der Wunsch nach dem Idealgewichtund der Traumfigur, Männer wollen muskulös sein.

Bach: "PatientInnen mit Körperschemastörungen, wie beispielsweise Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, entwickeln oft das Bedürfnis nach übermäßiger Bewegung, um damit ihrer Angst vor Gewichtszunahme gegenzusteuern. Das Sporttreiben wird hier zum Instrument der Kontrolle über den eigenen Körper. Das mitunter streng ritualisierte und exzessive Ausüben von Sport kann einerseits euphorisierend wirken, andererseits angstreduzierend und beruhigend."

Zwar machen die körpereigenen Glückshormone, die beim intensiven Sport treiben freigesetzt werden, körperlich nicht abhängig und schädigen auch nicht auf direktem Weg, ein Sportsüchtiger braucht aber doch professionelle Hilfe: "Tritt ein zwanghaftes Verhalten auf, muss in erster Linie die Ursache dafür gefunden werden. Der Gang zum Psychotherapeuten macht also schon in einem sehr frühen Stadium Sinn und sollte auch von SportkollegInnen oder FreundInnen geraten werden", rät der Psychiater.

Quelle: Ärztliche Praxis, gl

 

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