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Faszination Placebo-Effekt

Möglichkeiten und Grenzen

08.11.2007

Auch in der Medizin kann der Glaube Berge versetzen: So können bekanntlich auch Pillen ohne Wirkstoff helfen. Solche Scheinmedikamente, Placebos genannt, sind natürlich kein Ersatz für echte Arzneien. Forscher versuchen aber, den Placebo-Effekt besser zu verstehen, damit er zu Heilzwecken genutzt werden kann. Darüber berichtet jetzt der "Ratgeber aus Ihrer Apotheke" in der Ausgabe 11/2007: Mutti klebt ein Pflaster auf die Stirn, schon tut dem Sohnemann die Beule am Kopf nicht mehr weh. Die ältere Dame fühlt sich nach ihrer "Aufbauspritze" wie neu geboren, obwohl ihr die Vitamine gar nicht gefehlt haben. Zwei Beispiele für den Placebo-Effekt, das heißt für die verblüffenden Wirkungen zwar gut gemeinter, aber medizinisch unwirksam erscheinender Maßnahmen. Ein Pflaster ist nun mal kein Schmerzmittel, und eine Aufbauspritze, die keinen Mangel behebt, verdient ihren Namen nicht.

Weil es wider jede Logik ist, dass ein "Nichts" aus Kranken wieder Gesunde macht, haben Ärzte anfangs gemeint, ein Scheinmedikament könne nur helfen, wenn auch die Krankheit nur Schein, also eine eingebildete sei. Ein Vorurteil, das längst widerlegt ist, denn Placebos sind echte Allrounder und können nachweislich bei fast jeder Krankheit helfen - und zwar bei zweifelsfreier Diagnose. Die Beschwerden sind mit anderen Worten genauso real wie die durch Placebos bewirkte Linderung. Die Patienten unterliegen keiner Selbsttäuschung; vielmehr führt der Placebo-Effekt zu Veränderungen im Organismus, die sich messen und im Blutbild, im EKG oder auf Kernspinaufnahmen vom Gehirn sichtbar machen lassen.

Ansprechraten zwischen 20 und 80 Prozent sind belegt für Placebobehandlungen beispielsweise von entzündlichem Rheuma (Arthritis), Asthma, Erkältung, hohem Blutdruck, Depression, vor allem von Schmerzen aller Art, selbst wenn ein Bandscheibenvorfall, ein eingeklemmter Ischiasnerv oder Knorpelabrieb im Knie schuld sind.

Verlass darauf ist allerdings nicht, denn Placebos wirken nicht bei jedem - und auch nicht bei jedem gleich. Ohnedies helfen sie nur, wenn die Patienten nicht ahnen oder durchschauen, dass die Ärzte getrickst haben: Der Placebo-Effekt steht und fällt damit, dass "felsenfest" auf die Behandlung vertraut und eine Besserung erwartet wird.

Echte Arznei hat immer Vorrang

Damit kein Missverständnis entsteht: Placebos können echte Medikamente niemals ersetzen und sollten nur dann zum Einsatz kommen, wenn Mediziner mit ihrem Latein am Ende sind und kein anderes wissenschaftlich geprüftes Mittel parat haben, das Hilfe verspricht. Ein Plädoyer für Placebos ist schon deshalb nicht zu verantworten, weil Ärzte keinen reinen Wein einschenken können, wenn sie zum Schein behandeln. Die Wahrheit setzte nämlich die Wirkung aufs Spiel; Ärzte kämen also nicht umhin, die Kranken zu täuschen, ihnen das Placebo klammheimlich "unterzujubeln".
 
Für ethisch vertretbar gehalten wird eine solche "Täuschung" allein bei der sogenannten Placebokontrolle: Neu entdeckte oder entwickelte Wirkstoffe müssen sich in Studien mit freiwilligen Testpersonen gegen Placebos behaupten und deren Wirkung überbieten, werden erst unter dieser Voraussetzung als Arzneimittel zugelassen. Mit anderen Worten: Jeder Stoff, von dem man arzneiliche Wirkungen annimmt, muss unter Beweis stellen, dass er selbst kein Placebo ist.

Der "Innere Arzt" wird aktiv

Placebobehandlung bedeutet nicht Behandlungsverzicht. Sie ist zwar Schein, aber kein "Nichts", denn es wird ja etwas getan. Worin aber besteht dieses "Etwas" des Placebo-Effekts? Und wie ist zu erklären, dass er sich überhaupt einstellt? Offenkundig aktivieren Placebos die Selbstheilungskräfte des Organismus, den "inneren Arzt". Psyche, Nervensystem und Immunsystem schaffen es dann mit eigenen vereinten Kräften, Beschwerden zu lindern oder Krankheiten zu besiegen. Placebos wirken sozusagen psychosomatisch.

Wirkung im Gehirn

Um die Placebowirkung besser zu verstehen und um sie Patienten zugute kommen zu lassen, wird intensiv geforscht. Gut untersucht ist bereits die Scheinbehandlung von Schmerzen mit einer Ansprechrate um die 30 Prozent. Placebos, haben die Forscher herausgefunden, aktivieren die Bildung körpereigener Schmerzblocker im Gehirn, sogenannter Endorphine. Diese verhindern, dass Schmerzsignale in der Großhirnrinde ankommen und empfunden werden. Damit ist allerdings nicht zu erklären, auf welche Weise Placebos wirken, wenn es um Beschwerden geht, auf die Endorphine gar keinen Einfluss haben.

Wie des Rätsels Lösung eines Tages auch lauten mag: Für viele Forscher steht schon heute fest, dass das Heilpotenzial des Placebo-Effekts nicht länger verschenkt werden darf. Die Vision: Arzneimittel einsparen und schädliche Nebenwirkungen vermeiden, indem man den Organismus zunächst mit echten Medikamenten "trainiert" und ihn dann das Gelernte an Placebos wiederholen lässt. Das Scheinmedikament würde mit anderen Worten die echte Arznei irgendwann ablösen und deren Wirkung übernehmen.

Aufgegangen ist die Rechnung bereits bei Parkinson-Patienten, bei denen eine in den Kopf injizierte Kochsalzlösung die Funktion übernahm, den Gehirnstoffwechsel ins Lot zu bringen und damit das krankheitstypische Zittern abzustellen. Ein weiteres Beispiel: Ein die Abwehrkräfte schwächendes Medikament, das die Abstoßung transplantierter Spenderorgane verhindert, wurde stets zusammen mit grün gefärbter, nach Lavendel duftender und nach Erdbeeren schmeckender Milch eingenommen. Als später das Placebo an die Reihe kam, wurde die Erdbeermilch weiter getrunken - und die Immunhemmung hielt an.

Zu befürchten ist allerdings, dass der Körper irgendwann registriert, dass man ihn hinters Licht führt; der Placebo-Effekt wäre sogleich dahin. Seine planmäßige Nutzung ist daher noch Zukunftsmusik.


Die ursprüngliche Bedeutung von "placebo"

Das lateinische Wort "placebo" bedeutet "Ich werde gefallen" und kommt in einem Psalm des Alten Testaments vor, der bei der Totenandacht gesungen wurde: "Placebo Domino" ("Ich werde dem Herrn gefallen"). Als sich der Chor ab dem 14. Jahrhundert aus bezahlten Sängern zusammensetzte, die nur zum Schein trauerten, bekam der Begriff "Placebo" erstmals die Nebenbedeutung "Ersatz", "Scheinveranstaltung" - und tauchte in dieser Ausprägung anno 1785 dann auch in einem medizinischen Lexikon auf.

Quelle: dgk

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