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Chinesische Medizin ergänzt westliche Schulmedizin

"Geistiges Wohlbefinden spielt bei der Schulmedizin keine Rolle"

17.09.2007

Das moderne Gesundheitssystem steht an der Kippe: Es ist fast nicht mehr finanzierbar. Die Menschen werden zwar immer älter, gleichzeitig steigen aber auch die chronischen Erkrankungen. Zahlreiche komplementärmedizinische Anwendungen mit alternativen Behandlungsansätzen stehen dennoch im Kreuzfeuer der Kritik. Der Rektor der Wiener Privatuniversität für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Dr. med. Andreas Bayer, spricht über die Chancen und Möglichkeiten der Chinesischen Medizin im heutigen Gesundheitssystem.

Welche Bedeutung kommt der TCM in der modernen Medizin zu?

Bayer: Die moderne Medizin hat Schwachstellen, da sie nur unzureichend funktionelle Störungen behandeln kann. Wenn Organe versagen oder Gelenke nicht mehr funktionieren, müssen sie repariert werden. 80 Prozent der Gesundheitsausgaben entfallen mittlerweile jedoch auf chronisch-degenerative Erkrankungen. Allein in Österreich gibt es über 800.000 Blutdruckpatienten, über 700.000 Diabetiker. Jeder zweite Mann über 54 geht wegen dadurch verursachter Arbeitsunfähigkeit in Frühpension. Das macht jährlich 30.000 Frühpensionisten aus. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat hingegen einen funktionellen Ansatz. Das heißt, dass sie besonders gut bei Menschen mit chronisch degenerativen Krankheiten wirkt. Sie ist damit die optimale Ergänzung in einer überalternden Gesellschaft.

Wie steht die TCM anderen asiatischen Medizinsystemen gegenüber?

Bayer: Neben der TCM gibt es auch die tibetische und ayurvedische Medizin als funktionelle Medizinsysteme. Die drei Systeme lassen sich am besten so beschreiben: Die TCM ist körperlich orientiert, die ayurvedische geistig und die tibetische seelisch. Folgt man der WHO-Definition von Gesundheit so besagt diese, dass Gesundheit ein Zustand des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens ist. Diesem Anspruch wird die Schulmedizin nicht gerecht, da das Befinden eigentlich keine Rolle spielt. Mit der ayurvedischen Medizin können sehr gut vegetative Störungen wie etwa Stress- oder Belastungssyndrome gelindert werden. Die TCM hingegen ist eher körperlich orientiert.

Wie sehen Sie die TCM im Vergleich mit der Schulmedizin?

Bayer: Jedes Modell hat Vorzüge und Nachteile. Die Schulmedizin und die TCM ergänzen sich hervorragend. Die Schulmedizin sagt: "Der Körper kann nicht. Ich übernehme seine Aufgabe." Die TCM sagt: "Der Körper kann schlecht und ich helfe, dass er wieder kann." Daher sollte TCM vor der Schulmedizin angewandt werden und die erste Wahl sein, da eine funktionelle Störung der Erkrankung voraus geht - ebenso wie das fette Essen dem Bauch. Die Chinesische Medizin hat eine Lifestyle-Komponente. In der TCM ist Gesundheit kein messbarer Zustand, sondern der Lohn für das sorgfältige Verwalten der eigenen Ressourcen.

Wie viele Patienten behandeln Sie in der Wiener Klinik für TCM? Und gegen welche Leiden?

Bayer: In der Wiener Klinik für TCM sind neun Therapeuten und Ärzte tätig, die pro Jahr etwa 4.000 Patienten in über 20.000 Sitzungen behandeln. Bei den Patienten gibt es zwei große Gruppen. Die einen sind schwer krank. Viele sind Tumorpatienten oder Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen. Dazu gehören auch Immun-, Haut- und Herzerkrankungen, oder Morbus Crohn. Diese Patienten sind meist in schulmedizinischer Behandlung. Wir wirken unterstützend, weil TCM körpereigene Regenerationskräfte mobilisieren kann. Damit lassen sich Nebenwirkungen von Cortison- oder Chemotherapien bei gleichzeitiger Verringerung der Medikamente reduzieren. Zudem kommt es zu einer Steigerung des Wohlbefindens. Die zweite Gruppe der Patienten ist jünger, im Schnitt zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie nutzen die TCM um Krankheiten zu verhindern. Das heißt, sie leiden unter Störungen, die aber im schulmedizinischen Bereich noch keine ausreichenden Befunde liefern und daher nicht oder unzureichend behandelt werden. Dazu gehören etwa Stresssyndrome, Verdauungsstörungen, Zyklusstörungen oder wiederkehrende Schmerzzustände im Bewegungsapparat.

Sie betreiben neben der Klinik auch noch eine Ausbildungsstätte für angehende Therapeuten. Was hat sich in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet verändert?

Bayer: Die TCM-Akademie wurde 1997 gegründet. Seit 2003 gibt es die TCM-Privatuniversität. Die Gründung der Universität stieß auf massive Widerstände in der Ärztekammer und im Gesundheitsministerium. Hier sind besonders ärztliche Mitarbeiter im Ministerium aktiv geworden. Wir wurden während des Zulassungsverfahrens mit Gerichtsklagen eingedeckt, damit der Antrag auf Akkreditierung als Universität zurückgezogen wird. Der Druck nach der Akkreditierung war sogar so groß, dass der Bescheid von der damaligen Unterrichtsministerin Gehrer ein Jahr lang nicht freigegeben wurde. Die Akademie konnte sich dennoch durchsetzen. Es hat sich gezeigt, dass die Angst, dass in Österreich ein zweiter Arzt als Konkurrent zur Schulmedizin entsteht, nicht gerechtfertigt war. Vielmehr hat sich die TCM-Universität als ergänzende akademische Ausbildungseinrichtung für alle Berufe im Gesundheitssystem etabliert.

Wer studiert an der TCM-Universität?

Bayer: Die Studierenden kommen heute nicht nur aus der Medizin, sondern aus der Physiotherapie, Geburtshilfe, Heilmassage und Pharmazie. Die TCM-Universität unterscheidet sich von anderen Universitäten, da es in Europa keine Konzentration von TCM Studierenden und Wissenschaftlern in einer Stadt oder Region gibt, sondern viele kleine Cluster in verschiedenen Städten. Sie ist daher dezentral aufgebaut. Akkreditiert wurden 2003 der Campus in Wien, München und Berlin. Dazugekommen sind in den vergangenen Jahren Institute in Madrid, Valencia, Barcelona und Amposta sowie in Mailand. Geplant sind neue Institute in Hannover, Budapest und Lissabon. Nur so gelingt es die gesamte wissenschaftliche Kraft zu bündeln und die TCM im Kontext der Naturwissenschaft zu evaluieren und zu lehren. Die Wiener TCM Universität ist weiterhin die einzige staatlich anerkannte Universität für chinesische Medizin in Europa.

Ist die TCM häufig Kritiken seitens anderer Mediziner ausgesetzt?

Bayer: Die Kritik der westlichen Wissenschaft liegt im fehlenden naturwissenschaftlichen Zugang und in der fehlenden Grundlagenforschung. Die TCM-Universität beteiligt sich auf Einladung der EU-Kommission für Forschung gemeinsam mit den anderen universitären Einrichtungen in Europa an der Bildung eines Forschungsnetzwerkes um dieses Defizit auszugleichen. Die EU-Kommission finanziert das Netzwerk mit 1,5 Mio. Euro und hat bis 2013 rund 53 Mio. Euro an Forschungsgeldern im Rahmen des FP7-Programmes bereitgestellt.

Wie kann TCM die Kostenproblematik in der Medizin verringern?

Bayer: Die TCM hat direkte und indirekte Auswirkungen auf die Kostenspirale im Gesundheitssystem. Als direkten Effekt sieht man, dass Patienten, die mit TCM behandelt wurden, weniger Krankenstandstage brauchen und gleichzeitig weniger schulmedizinische Medikamente konsumieren. Aus diesem Grund hat zum Beispiel die Donau-Versicherung die TCM zur Behandlung von Erkrankungen und Unfallfolgen in ihr Versicherungskonzept übernommen. Die indirekte Auswirkung liegt am Lehreffekt. Der Patient wird vom Konsumenten zum Verantwortlichen. Derzeit wird eine Feldstudie im Rahmen einer Masterarbeit an der TCM Universität abgeschlossen, in der es um die Untersuchung der Nachhaltigkeit der Behandlung mit TCM bei 12.000 Patienten geht. Es hat sich gezeigt, dass bis zu zwei Jahre nach der Behandlung therapeutische Empfehlungen zur Korrektur des Lebensstils - wie etwa richtige Ernährung, Bewegung, Vermeidung von Risikofaktoren - eingehalten werden. Aus vergleichbaren schulmedizinischen Studien wissen wir, dass dieser Effekt in der Schulmedizin nur sechs bis acht Wochen nach Behandlungsende anhält.

Quelle: pte

 

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