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Bandscheibenvorfall - Infos und Tipps

Eine starke Muskulatur gibt den besten Halt

07.04.2009

Der aufrechte Gang ist das auffälligste Merkmal des Menschen und unterscheidet uns von den Tieren. Die aufgerichtete Körperachse ist aber auch die Ursache vieler medizinischer Probleme. Aufgrund unserer Lebensweise nehmen degenerative - also verschleißbedingte - Erkrankungen der Wirbelsäule in den letzten Jahren immer mehr zu. Wir haben mit Dr. Sven Nagel, Leitender Oberarzt des Bereichs Wirbelsäulenchirurgie im St. Marien-Hospital Mülheim an der Ruhr über das Thema Bandscheibe gesprochen.

Welche Aufgabe haben die Bandscheiben in unserer Wirbelsäule?
Dr. Nagel: Unsere Bandscheiben sind sozusagen die Stoßdämpfer der Wirbelsäule die Erschütterungen abdämpfen. Sie bestehen aus einem faserigen Knorpelring, der einen gallertartigen Kern umschließt. Normalerweise liegen diese flachen elastischen Gewebeplatten jeweils zwischen den 24 Wirbelkörpern und verhindern, dass die knöchernen Wirbel bei Bewegungen aneinander reiben. Bänder und Muskeln sorgen für Halt und Festigkeit. So wird das Beugen, Strecken, Drehen unsere Wirbelsäule erst möglich.

Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Dr. Nagel: Durch die enge Nachbarschaft von Bandscheiben, Wirbeln, Rückenmark und Nerven können sich Störungen im Bereich der Bandscheiben direkt auf das Rückenmark und die Nervenwurzeln auswirken. Bereits bei einer Bandscheibenvorwölbung, bei der sich der Faserring vorwölbt, der Gallertkern aber noch innerhalb des Faserrings liegt, können Rückenmarksnerven oder die seitlich austretenden Nervenwurzeln erheblich gedrückt und gereizt werden. Bei einem Bandscheibenvorfall kommt es zu einer plötzlichen oder auch langsam zunehmenden Verlagerung des Gallertkerns. Der weiche Kern tritt aus dem Faserring der Bandscheibe aus und übt dadurch Druck auf das umliegende Nervengewebe aus. Zumeist ragt er dann seitlich in den Rückenmarkskanal hinein und engt die durch die Wirbellöcher austretenden Nerven ein. Einzelne Nerven können völlig eingeklemmt werden. Am häufigsten kommt es zu Bandscheibenschäden oder -vorfällen im Bereich der Lendenwirbelsäule, da sie die größte Last trägt. Probleme der Halswirbelsäule stehen in der Häufigkeit an zweiter Stelle, Bandscheibenvorfälle im Bereich der Brustwirbel sind selten.

Wie äußert sich ein Bandscheibenvorfall?
Dr. Nagel: Die Symptome eines Bandscheibenvorfalls hängen davon ab, ob und welche Nervenstrukturen betroffen sind. Er kann für den Betroffenen völlig unbemerkt verlaufen. Wenn aber Beschwerden auftreten, sind sie hauptsächlich auf den Druck und die Reizung der Nerven zurückzuführen. Es kann zu plötzlichen starken Schmerzen im Rücken kommen, die ins Gesäß, in die Beine, Arme oder auch den Fuß ausstrahlen können. Ein Taubheitsgefühl und Lähmungserscheinungen die bis hin zur Bewegungsunfähigkeit führen können, aber auch Missempfindungen auf der Haut, Kribbeln oder Sensibilitätsstörungen sind Zeichen einer Bandscheibenproblematik. Um Schmerzen zu vermeiden, nimmt der Betroffene eine typische Schonhaltung ein und es kann zusätzlich zu Muskelverspannungen kommen. Der Hauptanteil der akuten Rückenschmerzen ist jedoch eher als Lumbago, als Hexenschuss zu bewerten. Er entsteht durch funktionelle Überbelastung, Verspannungen oder Fehlbelastungen.

Treten Bandscheibenbeschwerden vor allem bei älteren Menschen auf?
Dr. Nagel: In der Regel sind Bandscheibenerkrankungen auf Verschleiß zurückzuführen. Dies bedeutet aber nicht, dass sie nur bei alten Menschen auftreten. Fehlhaltungen oder Überlastungen im Beruf oder beim Sport sind häufig bei jüngeren Menschen die Ursache für Bandscheibenerkrankungen. Oftmals sind falsches Heben und Tragen schwerer Lasten der Grund für eine Schädigung. Die meisten Menschen, die sich an der Bandscheibe operieren lassen, sind zwischen 30 und 50 Jahren, aber die Zahl der unter 30-Jährigen nimmt ständig zu.

Wie kann man einen Bandscheibenvorfall diagnostizieren?
Dr. Nagel: In den meisten Fällen reicht die Anamnese und körperliche Untersuchung aus. Wir testen die Muskelkraft, Beweglichkeit der Beine und Reflexe und fragen, wo genau der Schmerz sitzt bzw. wohin er ausstrahlt. So können wir mögliche Schmerzen, Lähmungserscheinungen, Reflexausfälle oder Gefühlsstörungen direkt bestimmten Nervenstrukturen zuordnen. Auf diese Weise kann bereits bei rund 80 Prozent der Betroffenen festgestellt werden, ob und zwischen welchen Wirbelkörpern eine Bandscheibenschädigung vorliegt. Mit Hilfe einer Röntgenuntersuchung werden Knochen bzw. die Wirbelkörper dargestellt. Bandscheiben und Nervengewebe können nicht sichtbar gemacht werden. Das Röntgenbild bzw. die Lage der abgebildeten Wirbelkörper geben jedoch Aufschluss über eine mögliche Bandscheibenschädigung: Liegen zwei Wirbelkörper sehr nah beieinander oder gar aufeinander, kann davon ausgegangen werden, dass sich die dazwischen liegende Bandscheibe nicht mehr an ihrem Platz befindet. Weitere Bildgebende Untersuchungen sind nur erforderlich, wenn es Hinweise auf Komplikationen gibt oder wenn trotz ausreichender Behandlung die Beschwerden über Wochen bestehen bleiben. In der Regel wird dann eine Magnetresonanztomographie durchgeführt. Bei dieser Untersuchung lassen sich die Weichteile schichtweise und strahlungsfrei darstellen.

Wie wird ein Bandscheibenvorfall behandelt?
Dr. Nagel: Zunächst werden alle nichtoperativen Therapiemethoden ausgeschöpft, denn in der Regel sind Bandscheibenvorfälle konservativ behandelbar, das heißt ohne chirurgischen Eingriff. In der Akutphase eines Bandscheibenvorfalls hilft Schonung und Wärme: Rotlicht, ein heißes Bad oder auch ein Heizkissen dienen der Muskelentspannung. In den meisten Fällen ist jedoch eine begleitende Schmerztherapie notwendig. Wichtig ist dabei, dass die Patienten die Schmerzmedikation regelmäßig einnehmen wenn Schmerzen auftreten. Nur so wird ein gleichmäßiger Wirkstoffspiegel erreicht und es kommt nicht zum Wechselspiel zwischen Schmerzen und Muskelverspannungen. In besonders schwerwiegenden Fällen wird gezielt an die Wirbelgelenke oder die betroffenen Nerven eine Kombination aus einem lokalen Betäubungsmittel und einem reizhemmenden Mittel gespritzt. Rund 80 Prozent der Patienten sind mit einer konservativen Therapie nach zwei bis sechs Wochen wieder beschwerdefrei. Vielfach lassen die Beschwerden bereits innerhalb von 24 bis 48 Stunden deutlich nach. Zu empfehlen ist, nach Abklingen der ersten Schmerzen mit Krankengymnastik zu beginnen. Unter physiotherapeutischer Anleitung sollten Entspannungsübungen und Bewegungstraining für tägliche Übungen zuhause erlernt werden.

Langfristig müssen aber immer die Ursachen eines Bandscheibenvorfalls - wie Fehlhaltung, Überbelastung, Schwäche der Rumpfmuskulatur - korrigiert werden. Die beste Vorbeugung gegen Rückenscherzen ist ein gut durchtrainiertes Muskelkorsett. Denn, eine starke Bauch- und Rückenmuskulatur entlastet die Bandscheiben und garantiert, dass die Wirbelsäule an Stabilität gewinnt. Laut aktueller Studien reduziert schon ein 20minütiges Training in Form von Isometrischen Übungen und/oder Krafttraining, dreimal die Woche ausgeübt, bei etwa 90 Prozent der Betroffenen dauerhaft die Rückenschmerzen. In so genannten Rückenschulen können Patienten zusätzlich lernen, wie sie die Belastung der Wirbelsäule im Alltag minimieren, z.B. durch richtiges Heben und Tragen und durch Entlastungsstellungen. Zusätzlich sollte Übergewicht vermieden bzw. abgebaut werden.

Manchmal helfen aber nur noch chirurgische Maßnahmen. Wann muss ein Bandscheibenvorfall operiert werden?
Dr. Nagel: Grundsätzlich sollte ein operativer Eingriff, wenn möglich, vermieden werden. Daher muss die Indikation sehr streng gestellt werden. Eine Operation kann notwendig sein, wenn fortdauernde Symptome wie schwere und zunehmende Lähmungserscheinungen oder Gefühlsstörungen bestehen. Diese sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Nerv ggf. unwiderruflich geschädigt wird. Um den Nerv zu retten, muss möglichst innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der Lähmungserscheinungen operiert werden. Auch wenn durch die konservative Therapie nach sechs bis acht Wochen keine Besserung der Schmerzen eintritt und die Rückenprobleme zum Dauerschmerz werden, sollte über eine Operation nachgedacht werden. In jedem Falle sollte die Entscheidung wohlüberlegt sein. Zwar geht bei den meisten Patienten der Schmerz nach dem Eingriff vollkommen zurück, bei einigen kann jedoch eventuelles Narbengewebe Probleme machen. Um das Risiko der Narbenbildung möglichst gering zu halten, kommen heute in der Regel so genannte minimal invasive Eingriffe und mikrochirurgische Verfahren zum Einsatz.

Quelle: MHM

 

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